Fränkische Nachrichten, 03.12.2014

Spektrum reicht über fünf Jahrhunderte

‘‘Zeitenwende’’: Konzert mit dem Chor Cappella Nova in der Bad Mergentheimer Schlosskirche

Bad Mergentheim. Anhaltender, herzlicher Applaus belohnte das jüngste Konzert des Chores "Cappella" Nova unter seinem Leiter Walter Johannes Beck, der in der gut besuchten Schlosskirche ein reichhaltiges und vielfältiges Spektrum von Chorkompositionen aus fünf Jahrhunderten präsentierte. Unterstützend wirkten dabei ein zehnköpfiges Vokal- und elfköpfiges Instrumentalensemble mit, während Organist Ulrich Klemm ergänzend mit zwei reizvollen Kompositionen von Girolamo Frescobaldi und Jehan Alain aufwartete.

"Zeitenwende", so das Motto des teilweise anspruchsvollen, sowohl Sänger wie Zuhörer fordernden Programms, bezog sich auf die Epoche der musikalischen Renaissance um 1600, als sich mit der Umwälzung des mittelalterlichen Weltbilds, der Entdeckung der neuen Welt und der Neuentdeckung des menschlichen Individuums auch die Musik revolutionierte und nach Wesen und Funktion neu zu definieren begann.

Neuerungen

Wichtige Neuerungen waren die damals aufkommende Emanzipation der menschlichen Stimme, die wachsende Bedeutung der begleitenden Instrumentalmusik und die von Venedig ausgehende Entwicklung der Mehrchörigkeit, welche der vokal-instrumentalen Musik neue Klangräume erschloss. Wegbereiter bzw. Fortführer dieser Entwicklungen wie der Flame Orlando di Lasso (1532 bis 1594), der Venezianer Giovanni Gabrieli (1553 bis 1612) oder Heinrich Schütz (1585 bis 1672), der bedeutendste deutsche Meister seiner Zeit, waren unter anderem mit aufschlussreichen Werkbeispielen für die Wirkung von Doppel- und Mehrchörigkeit vertreten, die übrigens auch bis in die Chormusik der jüngeren Vergangenheit immer mal wieder praktiziert wurde - so etwa in einer Messe des Schweizers Frank Martin (1890 bis 1974).

Als wirksamer Kontrast waren im Konzert von "Cappella Nova" immer wieder Beispiele zeitgenössischer Chorkomposition eingestreut, die mit ihrer allgemein einfacheren bzw. heutigen Hörgewohnheiten eher entgegenkommenden Satztechnik fast wie erholsame Zwischenstationen in der strengen, dichten und zugleich ungemein zart anmutenden Klangwelt zwischen Renaissance und Frühbarock wirkten.

Zwischen diesen beiden stilistisch so unterschiedlichen Welten nahm die einfache zweichörige a-cappella Motette des Dresdners Gottfried August Homilius (1714 bis 1785) "Da es nun Abend ward"(das einzige Werk des Programms aus dem 18. Jahrhundert) so etwas wie eine vermittelnde Stellung ein. Hier gefiel vor allem die gute Verständlichkeit der Bibeltexte und dynamisch profilierte Textgestaltung.

Zeugnisse

Dagegen klangen die Kompositionsbeispiele von Renaissancemeistern wie Orlando di Lasso (Kyrie aus einer Messe), Giovanni Gabrieli und vor allem Heinrich Schütz (mit zwei instrumental begleiteten Motetten) wie faszinierende Zeugnisse aus der Entstehungszeit der abendländischen Musiktradition, entrückt und dennoch von ferne vertraut, berührend in ihrem spröden, zerbrechlichen und kostbar ineinander gewobenen Klangbild, das durch die Stimmenverteilung auf Chor und einzeln oder gruppenweise im Raum verteilte Solosänger, dazu diverse Streicher und Blechbläser zudem räumlich tief gestaffelt und ausgeweitet wurde.

Mit den vorhandenen Kräften und materiell geringem Aufwand gelang es Ulrich Beck und seinen Mitwirkenden jedenfalls, dem Hörer eine lebendige Vorstellung der neuartigen Ästhetik jener Umbruchepoche zu vermitteln, oder etwa (gerade auch weil im ersten Anlauf nicht alles klappte) von der überaus subtilen und diffizilen Satzweise und sensiblen Expressivität, mit denen Michael Praetorius den alten Choral "Wie schön leuchtet der Morgenstern" zu einem wunderbar vielstimmig aufgefächerten geistlichen Konzert verarbeitet.

Näher und direkter aufs religiöse Empfinden hinzielend, erscheinen dagegen die von "Cappella Nova" ebenso kompetent wie hoch engagiert präsentierten Chorwerke aus jüngerer Vergangenheit und Gegenwart, in denen Harmonik und Klangfarbe immer mehr an Eigenständigkeit und -qualität gewinnen: So etwa in einem schön aufblühenden Antiphon des Norwegers Ola Gjeilo (geboren 1978), dem milden Strahlen eines Hymnus der Amerikanerin Mary Ellen Haupert (geboren 1958) "Illumina le tenebre" oder auch dem engelhaft ätherischen Klang, mit der das Vokalquintett eine Marien-Motette für Frauenstimmen von Maurice Durufle (1902 bis 1986) versah. Einen echten Höhepunkt setzten die Sänger von "Cappella Nova" unter ihrem Leiter Ulrich Beck auch mit ihrer dynamisch überaus präsenten, steigerungsmächtigen und inbrünstigen Interpretation des "Credo" aus der "Messe für zwei Chöre" von Frank Martin.

Thomas Hess

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